Barrierearmes Bad im Bestand: Was geht ohne Komplettsanierung?

von Stefan
(Klaus)

Bild: felbabavolodymyr / clipdealer.de

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Ein barrierearmes Bad im Bestand muss nicht zwangsläufig eine komplette Kernsanierung bedeuten. Oft reichen gezielte Eingriffe, die Sturzrisiken senken, Bewegungsabläufe erleichtern und die Nutzung im Alltag spürbar komfortabler machen - ohne dass Wände versetzt oder alle Leitungen neu gelegt werden.

Entscheidend ist, die Engstellen im vorhandenen Grundriss zu erkennen: Wo wird es beim Drehen eng? Wo sind Schwellen, hohe Einstiege oder glatte Flächen? Und welche Handgriffe werden täglich gebraucht, aber sind ungünstig positioniert? Wer diese Punkte sauber bewertet, kann mit überschaubaren Maßnahmen sehr viel Wirkung erzielen.

Bestandsaufnahme

Im Bestand entscheidet häufig nicht "schön oder neu", sondern "passt und funktioniert". Ein einfacher Trick: Mit Malerkrepp am Boden Bewegungsflächen markieren und typische Wege testen - vom Türgriff zum Waschtisch, von dort zur Toilette und weiter zur Dusche oder Wanne. Als Orientierungswert werden im barrierefreien Bad häufig Bewegungsflächen von 120 × 120 cm angesetzt; für rollstuhlgerechte Nutzung sind es 150 × 150 cm.

Wichtig im Bestand: Bewegungsflächen dürfen sich oft überlagern. Das heißt, ein Bereich kann gleichzeitig vor dem Waschtisch und teilweise in den Duschbereich hineinreichen, solange Türen, Griffe und Armaturen weiterhin gut erreichbar bleiben. Wer hier realistisch plant, verhindert teure Fehlentscheidungen - etwa eine neue Duschkabine, die sich später als zu eng oder schlecht begehbar herausstellt.

Dusche ohne Komplettsanierung

Die bodengleiche Dusche gilt als Klassiker fürs barrierearme Bad, ist aber im Bestand nicht immer "einfach nur austauschen". Trotzdem lässt sich häufig viel erreichen, ohne den ganzen Bodenaufbau zu erneuern: Kleine Schwellen können reduziert, Abläufe angepasst oder niedrige Duschflächen eingesetzt werden, wenn der Aufbau es zulässt. Zusätzlich helfen bauliche Details wie eine stabile Duschabtrennung, die nicht im Weg steht, und eine Armatur, die auch im Sitzen gut bedienbar ist.

Als konkreter Richtwert gilt: Eine bodengleiche Dusche sollte eine Schwelle von höchstens 2 cm haben.

Wenn der Boden nicht geöffnet werden soll, lohnt der Blick auf "Zwischenlösungen": Eine niedrige Duschwanne kann bereits einen großen Unterschied machen, wenn die vorherige Lösung eine hohe Wannen- oder Duschtasse hatte. Entscheidend ist dann die sichere Begehbarkeit: rutschhemmender Untergrund, gut platzierte Haltemöglichkeiten und ein Ablauf, der zuverlässig funktioniert, damit keine Pfützen entstehen.

Niedriger Wanneneinstieg

Viele Bestandsbäder haben eine klassische Badewanne - oft aus guten Gründen: Kinder, Entspannung, gelegentliches Baden bei Verspannungen. Barrierearm wird es dann, wenn der Einstieg nicht mehr zum Balanceakt wird. Neben Griffen und rutschhemmenden Einlagen ist eine Lösung besonders naheliegend, wenn die Wanne bleiben soll, aber der Einstieg leichter werden muss: eine Badewanne mit Tür.

In solchen Fällen kann eine Dusch Badewanne mit Tür sinnvoll sein, weil das Bein nicht mehr über den Wannenrand gehoben werden muss. Der Vorteil im Bestand liegt häufig darin, dass die Maßnahme gezielt an einem Sanitärobjekt ansetzt: Statt Grundriss und Leitungen komplett umzubauen, wird die tägliche Hürde - der hohe Einstieg - entschärft.

Wichtig ist bei der Planung, die Bedienbarkeit im Stand und im Sitzen sowie die Dichtheit und Wartung (z. B. Reinigung der Dichtungen) mitzudenken.

Sturzrisiken senken: Halten, Sitzen, Erreichen

Nicht jede Verbesserung braucht Fliesenstaub. Gerade im Bestand sind stabile Ankerpunkte und eine klare Nutzungslogik oft wichtiger als "alles neu". Hilfsmittel und einfache Umbauten erhöhen die Selbstständigkeit, wenn sie konsequent dort ansetzen, wo im Alltag Kraft, Gleichgewicht oder Beweglichkeit fehlen.

Hier sind für das Badezimmer unter anderem Duschstuhl oder Klappsitz, Haltegriffe, rutschfeste Matten und Toilettensitzerhöhungen als Hilfen zu nennen, die das Nutzen von Toilette, Dusche oder Badewanne erleichtern können.

Damit solche Maßnahmen wirklich etwas bringen, sollten sie nicht zufällig verteilt werden, sondern nach den entscheidenden Handlungen im Bad: aufstehen, drehen, greifen, abstützen. Besonders sinnvoll sind feste Haltepunkte am Eingang zur Duschzone, in der Nähe der Toilette (für das sichere Hinsetzen und Aufstehen) und dort, wo man sich abtrocknet oder ankleidet.
  • Schnelle, wirksame Maßnahmen im Bestand: rutschhemmende Bodenlösung im Nassbereich, stabile Haltegriffe an den richtigen Stellen (tragfähiger Untergrund!), gute Ausleuchtung ohne Blendung, gut erreichbare Ablagen statt Bücken, Thermostatarmatur gegen Verbrühungen, Sitzmöglichkeit (Klappsitz oder Duschstuhl), Türanschläge und Griffhöhen prüfen, Spiegel und Steckdosen so setzen, dass sie ohne Strecken erreichbar sind.
Gerade bei Haltegriffen zählt die Montagequalität: Sie müssen in tragfähigem Mauerwerk oder mit geeigneten Befestigungssystemen sitzen. Wer unsicher ist, lässt die Befestigungspunkte fachlich prüfen - das ist meist deutlich günstiger als die Folgen eines Sturzes oder ausgerissenen Griffs.

Reihenfolge und Kombination: erst die Engstelle, dann das Komfort-Upgrade

Im Bestand lohnt sich eine klare Reihenfolge: Zuerst die Maßnahmen, die Sicherheit schaffen und tägliche Hürden abbauen, danach Komfort und Gestaltung. Häufig ist die größte Engstelle nicht die Optik, sondern eine Schwelle, ein ungünstiger Türanschlag oder ein Sanitärobjekt, das Bewegungsflächen blockiert. Wird genau diese Engstelle gelöst, wirkt das ganze Bad "größer" und einfacher nutzbar.

Checkliste "Barrierearmes Bad im Bestand"

A. Grundriss, Tür und Bewegungsflächen
  • Raummaße (L × B) aufnehmen, feste Einbauten einzeichnen (Schacht, Fensterbank, Heizkörper).
  • Tür prüfen: lichte Breite ideal ≥ 80 cm, komfortabler ≥ 90 cm; Schwelle möglichst 0 cm (maximal niedrig).
  • Bewegungsfläche(n) an den Hauptpunkten (Waschtisch/WC/Dusche bzw. Wanne) prüfen:
    • barrierearm gut nutzbar: ca. 120 × 120 cm
    • rollstuhlgerecht: ca. 150 × 150 cm
      (im Bestand dürfen sich Flächen teils überlagern, solange man wirklich drehen/stehen kann)
  • Engstellen messen (Durchgänge zwischen Sanitär und Wand/Möbeln): mind. 60 cm, angenehmer ≥ 70-80 cm.
B. Boden, Schwellen, Rutschrisiko
  • Höhenunterschiede dokumentieren (Türschwellen, Dusch-/Wannenrand):
    Ziel0 cm, wenn nicht möglich: so niedrig wie machbar.
  • Duschschwelle als Richtwert: ≥ 2 cm.
  • Boden im Nassbereich: rutschhemmend wählen/prüfen; lose Matten vermeiden (Stolperrisiko).
C. Dusche (ohne Komplettsanierung)
  • Duschfläche messen:
    • praktisch/komfortabel: ≥ 90 × 90 cm
    • besser barrierearm: ≥ 120 × 120 cm
  • Einstieg: ideal bodengleich, ansonsten so niedrig wie möglich; Schwelle ≥ 2 cm.
  • Freiraum vor der Dusche: mind. 100 × 100 cm, besser 120 × 120 cm (Abtrocknen, Drehen).
  • Armatur/Bedienung: so anordnen, dass sie im Stehen und Sitzen erreichbar ist (nicht "hinten in der Ecke").
  • Duschabtrennung: so wählen, dass sie den Einstieg nicht verengt (keine Tür, die in den Laufweg "fällt").
D. Wanne / Baden
  • Wannenrandhöhe und Einstieg bewerten: wenn "Bein heben" problematisch wird, Alternativen prüfen.
  • Platz vor der Wanne: mind. 100 cm Tiefe, besser 120 cm, um sicher ein- und auszusteigen.
  • Wenn Baden wichtig bleibt: Option Badewanne mit Tür (niedriger Einstieg) einplanen.
  • Haltemöglichkeit am Einstieg: Griff so setzen, dass er beim Aufstehen und Umsetzen wirklich erreichbar ist.
E. WC-Bereich
  • Sitzhöhe messen (Oberkante Sitz):
    • angenehm für viele: 46-48 cm
    • bei eingeschränkter Kraft oft hilfreich: 48-50 cm (z. B. mit Sitzerhöhung)
  • Freiraum vor dem WC: mind. 100 cm, besser 120 cm.
  • Seitlicher Freiraum (wenn möglich): mind. 30 cm je Seite, komfortabler ≥ 40 cm.
  • Griff-/Stützpunkte vorsehen: ideal beidseitig oder eine stabile Seite plus Wandgriff (Montagefähigkeit prüfen!).
F. Waschtisch & Spiegel
  • Freiraum vor dem Waschtisch: mind. 100 × 100 cm, besser 120 × 120 cm.
  • Oberkante Waschtisch als Richtwert: ca. 80-85 cm (je nach Körpergröße), Bedienung ohne Strecken.
  • Spiegel so planen, dass er auch im Sitzen funktioniert (untere Kante nicht zu hoch; ggf. Spiegel bis Waschtischhöhe).
G. Haltegriffe, Sitze, Stützen (mit Platzbedarf)
  • Tragfähige Wände festhalten (Massiv/Ständerwand + Verstärkung).
  • Duschsitz/Klappsitz: seitlich genügend Platz einplanen; Duschfläche dafür eher ≥ 120 × 120 cm.
  • Griffpositionen so setzen, dass sie beim Übergang "stehen → sitzen → stehen" erreichbar sind (Duscheingang, WC, Wanne).
  • Greifhöhe für häufige Bedienelemente (Daumenregel): ca. 85-110 cm über Fertigboden (je nach Person).
H. Licht, Steckdosen, Alltagstauglichkeit
  • Licht: gleichmäßig, blendfrei; Schalter gut erreichbar.
  • Steckdosenhöhe so wählen, dass sie ohne Bücken erreichbar sind: häufig sinnvoll ca. 100-110 cm.
  • Ablagen/Handtuchhalter in Greifhöhe: ca. 90-120 cm, damit man nicht tief greifen oder über Schulterhöhe strecken muss.

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