Passivhaus gegen Effizienzhaus 40 plus

von Martin
(Hessen)

Ich werde mich in den nächsten Tagen mehr mit Ihren Informationen zum Thema Passivhaus beschäftigen können. Aber beim Passivhaus liegen Sie, nach meiner Einschätzung, total daneben. Denn ein Passivhaus rechnet sich nicht. Vor allem ist ein Passivhaus ganz sicher nicht wirtschaftlich. Hier wäre doch, wie sehen Sie es, das Effizienzhaus 40 plus die bessere Lösung? Gruß Martin

Antwort

Hallo Martin, wie Sie zur Einschätzung kommen, ich würde beim Passivhaus "total daneben" liegen, kann ich leider nicht nachvollziehen. Aus Erfahrung weiß ich allerdings, dass diesbezügliche ablehnende Einstellungen gegen ein Passivhaus hauptsächlich das Ergebnis mangelnder Information sind. Sie dürfen mir aber ruhig glauben, dass ich die Argumente GEGEN ein Passivhaus zur Genüge kenne:
  • Die KfW fördert zwar das Passivhaus, aber nicht besser als ein Effizienzhaus.
  • Andere Gebäudekonzepte bieten mehr Technik als ein Passivhaus und "müssen" daher zwangsläufig auch "besser" sein.
  • Die Banken und Hausfinanzier sind gegenüber Passivhäusern noch immer skeptisch.
  • Jeder Bauherr kennt irgendjemanden, der schon irgendwann einmal gehört hat, dass es einen Grund geben muss, dass nicht nur Passivhäuser gebaut werden.
  • Viele Architekten haben immer noch nicht das nötige Passivhaus-Know-how.
FÜR das Passivhaus lassen sich natürlich ebenfalls viele Argumente liefern - mit einem großen Unterschied: ALLE Argumente lassen sich seit einem Vierteljahrhundert mit Zahlen und tausenden Erfahrungswerten aus der Praxis auch belegen. Bei den meisten anderen Energiestandards ist das noch lange nicht der Fall.


Keine Sorge übrigens: Ich werde Sie hier nicht "bekehren" - Sie werden schon Ihre Gründe für IHRE Meinung haben...

Aber ich nutze hier trotzdem die Gelegenheit, Ihnen zu versichern, dass ich mit meiner Passivhaus-Empfehlung definitiv NICHT total daneben liege. Tatsache ist vielmehr, dass nicht mehr allzu ferner Zukunft am Passivhaus-Standard kein Weg vorbeiführen wird. Spätestens im Jahr 2021 dürfen nämlich laut der von der EU bereits im Jahr 2010 beschlossenen EU-Gebäuderichtlinie im gesamten EU-Raum ohnehin nur mehr "Fast-Nullenergiehäuser" errichtet werden.

Wie diese Energiesparhäuser nun von wem auch immer bezeichnet werden, ist dabei für mich völlig unerheblich. Dass die in Deutschland massiv Lobbyarbeit betreibende KfW Bankengruppe die förderwürdigen Häuser individuell kategorisiert, wundert mich allerdings nicht - immerhin wurde der Begriff KfW-Effizienzhaus im Zusammenspiel der (vertrauenswürdigen?) Politik und Banken entwickelt.

Neben der gesetzlich vorgeschriebenen EnEV und den geförderten KfW-Standards bleibt das Passivhaus aber auf alle Fälle auch weiterhin für professionelle Planer der solide und zukunftsorientierte Eckpfeiler für die beste Gebäudeeffizienz.

Es geht um die Bauphysik...

Ich selbst habe als Techniker für ein derartiges Schubladendenken jedenfalls nicht sehr viel übrig. Wenn es um energieeffiziente Häuser geht, zählt für mich daher nur die Bauphysik - und dieser ist es definitiv egal, mit welchen Baustoffen oder Materialien gebaut wird und welche Grenzwerte für die Dämmstoffe herangezogen werden.

Ihre Frage, ob das Effizienzhaus 40 plus nicht die bessere Lösung wäre, werde ich daher nicht beantworten, weil sich diese (auch standortabhängige) Frage für mich so nicht stellt. Fakt ist:
  • JEDES Energiesparhaus muss luftdicht gebaut werden,
  • muss eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung haben und
  • muss so gedämmt werden, dass Wärmeverluste möglichst zur Gänze vermieden werden.
Ob so ein Haus nun KfW-40-Haus oder Passivhaus heißt, ist im Wesentlichen völlig egal. Allerdings wurden für alle Häuser, die den Passivhaus-Standard nicht zur Gänze erreichen, in der Praxis (z.B. von Banken) nur deshalb andere Energieeffizienz-Begriffe eingeführt, um den hohen Anforderungen, die an Passivhäuser gestellt werden, zu "entkommen".

Im Klartext: Würden die diversen KfW-Häuser die technischen Werte eines Passivhauses erreichen, hätte es auch keine anderen Bezeichnungen geben müssen. Der einfachere Weg für die Förderbanken, die mit der Entwicklung des Passivhaus-Standards nichts zu tun hatten, war aber offensichtlich jener, die Kriterien abzuschwächen...

Wie schon gesagt: Hier geht es um die Bauphysik und nicht um irgendwelche Bezeichnungen, die von irgendjemandem festgelegt werden. Und dass ein Passivhaus NICHT unwirtschaftlich ist, gilt längst als bewiesen. Einerseits wird mit einem Passivhaus im wahrsten Sinne des Wortes 80 Prozent weniger Geld verheizt. Andererseits wird beim Passivhaus bei der Wartung und Instandhaltung sowie vor allem auch bei den Reparaturen und bei den Erneuerungsintervallen massiv eingespart. Das Wesentliche eines Passivhauses ist nämlich, dass alles qualitätsgesichert gebaut wird. Sprich: Beste Qualität bei der Bauausführung.

Übrigens: Bei einer "durchschnittlichen" Bauweise ohne Qualitätssicherung bleiben nach fünfzig Jahren nur die Fundamente, die Wände und der Dachstuhl im Originalzustand übrig. Insgesamt können bei einem (unwirtschaftlichen?) Passivhaus locker weit mehr als 230.000 EUR eingespart werden. Rechnen Sie ruhig einmal die Lebenskosten IHRES geplanten Traumhauses nach...

In diesem Sinne hoffe ich, etwas Licht ins Dunkel gebracht zu haben. Und ja, natürlich können meine Argumente als subjektiv bewertet werden - aber in diesem Fall stehe ich gerne zu MEINER Meinung.

Mehr Erfolg beim Hausbau!

Wilfried Ritter
Autor und Herausgeber
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